Die Krumme Krankheit in Loosen

Im Spätsommer des Jahres 1731 brach eine furchtbare Krankheit über das kleine Dorf Loosen in Südwestmecklenburg herein. Ganze Familien wurden befallen, Erwachsene und Kinder starben gleichermaßen. Die Erkrankten litten unter Krämpfen im ganzen Körper, verbunden mit furchtbaren Schmerzen. Die Krampfanfälle dauerten mitunter Stunden und kehrten bis zu 10 Mal am Tag wieder. Viele Menschen starben nach kurzer Zeit, andere litten tage- und wochenlang. Manche schienen sich langsam zu erholen, bis dann nach Wochen oder Monaten die Anfälle wieder auftraten und die Menschen auch noch Jahre später an der sogenannten Krummen Krankheit starben.
Was war passiert?

Claviceps purpurea oder Mutterkorn

Nach einem vermutlich kühlen und feuchten Frühling und Frühsommer hatte sich auf dem Roggen ein Pilz angesiedelt: Claviceps purpurea, uns besser bekannt unter dem Namen „Mutterkorn“. Unter bestimmten Witterungsbedingungen, nämlich längerer Kälte im zeitigen Frühjahr, gefolgt von einer etwas wärmeren, feuchten Periode, gelangen die Sporen des auf dem Boden befindlichen Pilzes in die Roggenblüte. Je länger die Blütezeit anhält, desto mehr Pflanzen können befallen werden. Nach der Infektion bildet sich auf der Blüte klebriger Honigtau. Er enthält ebenfalls reichlich Sporen und wird von Insekten weitergetragen. Nun entwickelt sich auf der Roggenpflanze das Sklerotium (Dauermyzel des schmarotzenden Schlauchpilzes Claviceps purpurea). Es ist von schwarzvioletter Farbe und bildet gekrümmte, keulenförmige Gebilde von etwa 1 – 6 cm Länge.
Dieser Pilz produziert verschiedene Alkaloide wie Ergotamin, Ergotoxin und Ergometrin. Ihr Gehalt schwankt beträchtlich. Sie sind Derivate der Lysergsäure und stimulieren das zentrale Nervensystem und die glatte Muskulatur und bewirken so Gefäßverengungen. Niedrig dosiert finden diese chemischen Stoffe heute medizinische Anwendungen auf dem Gebiet der Migräne-Therapie, bei Kreislaufregulationsstörungen sowie auf dem Gebiet der Gynäkologie / Geburtshilfe .

Mutterkorn war den Menschen damals durchaus bekannt. Vor allem in Deutschland gab es auffällig viele Bezeichnungen. Manche bezogen sich auf die äußere Form wie Kornzapfen, Vogelsporn, Brandrocken oder Brandkorn. Andere gehen vermutlich auf Vorstellungen des Volksglaubens zurück wie Kornmutter, Roggenmuhme und Mutterkorn. Aber auch die Wirkung dürfte zu bestimmten Bezeichnungen geführt haben: Mutterkorn, weil es traditionell in der Geburtshilfe eingesetzt wurde, und Totenkorn.

Erste wissenschaftliche Beschreibung

Die früheste wissenschaftliche Beschreibung findet sich in Adam Lonitzers „Kreuterbuch“ von 1582 . Neben der botanischen Darstellung des sogenannten Secale cornutum oder Kornzapffen nennt Lonitzer auch die Anwendung des Pilzes durch Hebammen. Die übliche Dosierung bei Wehenschmerzen und zur Beschleunigung der Geburt gibt er mit 3 Körnern an, was etwa 0,5 g entspricht.
Auch die Ärzte übernahmen nach und nach die Anwendung des Mutterkorns in der Geburtshilfe, und 1808 erfolgte die erste wissenschaftliche Publikation durch den Amerikaner Stearns .

Auch den Bauern in Loosen war die prinzipielle Giftigkeit des „Brandkorns“ bekannt, denn sie verwendeten es, in Milch aufgelöst, als Fliegengift. Vermutlich war es aber bis 1731 nie zum Auftreten einer Mutterkornvergiftung in Loosen und der näheren Umgebung gekommen, so dass die Menschen ahnungslos waren, welch fürchterliche Wirkung das Mutterkorn haben konnte.

St. Antoniusfeuer

Bereits seit dem Mittelalter sind vor allem aus Frankreich Massen- und Einzelvergiftungen durch Mutterkorn bekannt. Auch die Verbindung von „schlechtem“ Getreide und dem Auftreten der Krankheitssymptome war den Menschen nicht fremd. Jedoch wirkte sich das Gift westlich des Rheins ganz anders aus als bei der Krummen Krankheit in Mecklenburg.
In Frankreich begann die Krankheit mit einer allgemeinen Schwäche, leichter Benommenheit und Gliederschmerzen. Nach einiger Zeit kam es zu Schwellungen vor allem von Händen und Füßen, gefolgt von extrem starken, brennenden Schmerzen und abwechselnd einem starken Hitze- oder Kältegefühl. Daher erhielt die Krankheit auch den Namen „Ignis sacer“ (Heiliges Feuer). Schließlich kam es zur Taubheit der betroffenen Gliedmaßen, Blasenbildung auf der Haut und einer Schwarzfärbung und schließlich Mumifizierung von Arm oder Bein. Oft fielen die Gliedmaßen ohne Schmerzen oder Blutung ab. Ein Mensch, der nur ein Glied verloren hatte, konnte durchaus noch lange Jahre leben.
Um 1100 wurde eine Hospitalbruderschaft zum Heiligen Antonius gegründet, die sich mit der Pflege der am Ignis sacer Erkrankten befasste. Dieser Antoniterorden brachte der Krankheit den weitverbreiteten Namen „Antoniusfeuer“ ein.

Kriebelkrankheit

Östlich des Rheins dagegen trat fast ausschließlich eine andere Form der Mutterkornvergiftung auf, nämlich die konvulsive Form. Die häufig auch als Kriebelkrankheit bezeichnete Seuche begann mit einem Kribbeln in den Händen und Füßen, als ob Ameisen darüber liefen. Es folgten plötzlich einsetzende Krämpfe in Fingern und Zehen, die sich auf die gesamten Gliedmaßen und schließlich auch auf Rumpf und Kopf erstreckten. Die Krämpfe waren verbunden mit unerträglichen Schmerzen und einem furchtbaren Hitze- oder Kältegefühl, ähnlich wie beim Antoniusfeuer. Die Anfälle konnten Minuten oder Stunden andauern und mehrmals täglich, manchmal stündlich auftreten. Die Perioden mit Krampfanfällen konnten wochenlang dauern, falls die Menschen nicht vorher starben. Bei manchen Personen setzte eine Erholung ein, doch blieben die Menschen geschwächt, benommen, Gliedmaßen konnten in der verkrampften Stellung bleiben, das Gehör und das Augenlicht waren geschädigt bis hin zur Erblindung und vor allem ein geistiger Verfall bis zur Demenz setzte ein. Auch nach Monaten oder Jahren der Anfallsfreiheit konnte es immer wieder zu Krämpfen kommen.
Die Symptome führten auch zu den Bezeichnungen Krampfsucht, Krumme Krankheit, Krummer Jammer oder Steifkrampf.

Die Kriebelkrankheit wurde erstmals nach deren Auftreten 1581 im Raum Lüneburg beschrieben. Im Jahre 1597 brachte die medizinische Fakultät der Universität Marburg eine Beschreibung der Krankheit sowie Anweisungen zur Behandlung heraus. In den folgenden 200 Jahren wurden immer wieder Ausbrüche der Krankheit beschrieben, von Hessen bis Schlesien, vom Vogtland bis Holstein und Pommern. Zwar wurde ein Zusammenhang mit dem Roggen und auch mit dem Mutterkorn immer wieder diskutiert, aber ganz sicher waren sich die Gelehrten nicht. Noch um 1800 kam es zu Disputen unter den Wissenschaftlern.

Waren auch Ausbrüche der Kriebelkrankheit in Holstein 1717 und der Prignitz 1722 erfolgt, also in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Südwestmecklenburg, war offensichtlich weder den Bauern noch den Amtsleuten die Ursache für den Ausbruch der Krummen Krankheit in Loosen bekannt.

Die Krumme Krankheit bricht aus

Die ersten Fälle müssen im September 1731 aufgetreten sein, nachdem das Korn aus der diesjährigen Ernte verarbeitet war und nun verbraucht wurde. Am 24. Januar 1732 wurde ans Amt berichtet , dass in 6 Hauswirtsfamilien sowie im Hirtenkaten bereits 10 Menschen gestorben und die anderen alle krank seien. In den anderen Haushalten scheint die Krankheit nicht oder nur vereinzelt oder schwach ausgeprägt aufgetreten zu sein.

Die Erwähnungen der Krummen Krankheit in den Akten zeigen, dass es sich um eine Mutterkornvergiftung der konvulsiven Art in ihrer schwersten Ausprägung handelte.
In einem 1736 verfassten Schreiben wurde berichtet, dass die Krankheit seit 4 Jahren grassiere und bereits 10 Haushalte beträfe. Besonders im Winter komme es zu starken „Convulsionen“, „wie sich solche bey der Epilepsie zu äußern pflegen, welche jedoch ins gemein noch weit vehementer ausfallen“, die bis zu zehn Mal in 24 Stunden auftreten könnten. Es wurde beschrieben, dass einige Personen wieder einigermaßen gesund zu werden schienen, aber dass es in den folgenden Jahren immer wieder zu Rückfällen käme. „Was dabey das elendste, so werden die Patienten endlich theils wahnwitzig, teils contract, wenigstens aber bleiben sie so wol an Leibes als Gemüths-Kräfften schwach und sind zu geschäften untüchtig“. Auch die Beeinträchtigung der Sehkraft bis hin zur Erblindung wurde beschrieben.
In dem Schreiben vom Januar 1732 wurden nicht nur die Namen der betroffenen sechs Familien genannt, sondern bei der Familie des Clas Hagen auch berichtet, dass nicht nur alle Haushaltsmitglieder „miserabel“ seien, sondern „dabey rasend, das sie müssen angebunden werden“.

80 Tote in wenigen Jahren

Im Januar 1736 wurde die Zahl von 80 Toten seit Ausbruch der Seuche 1731 genannt. Im März 1735 war auch schon einmal von 80 Toten die Rede . Im Kirchenbuch Leussow, zu dessen Kirchspiel Loosen gehört, wurden um diese Zeit normalerweise keine Angaben zu Todesursachen gemacht, von wenigen, meist spektakulären Ausnahmen abgesehen. So finden wir auch keinen einzigen Hinweis auf die Krumme Krankheit. Ein Vergleich der Zahl der Toten von 1726 bis 1743 zeigt einen deutlichen Anstieg in den Jahren 1732 und 1733 und auch eine etwas höhere Rate 1731, 1734 und 1741. Sterben in den anderen Jahren im Durchschnitt 5 Personen, sind es 1731 und 1734 je 10, 1741 15, 1733 21 und 1732 28 Personen. Rechnet man alle zwischen September 1731 und Januar 1736 in Loosen gestorbenen Menschen zusammen, ergibt sich eine Gesamtzahl von 71 Personen. Die 1736 genannte Zahl ist also etwas zu hoch gegriffen, vor allem, wenn man bedenkt, dass sicher nicht alle Toten auf die Krumme Krankheit zurück zu führen sind. Es ist jedoch möglich, dass einige Menschen als Knecht oder Magd auf den betroffenen Höfen arbeiteten, die nicht aus Loosen stammten. Sie wurden im Krankheitsfall vermutlich zu ihren Familien gebracht, wo sie dann starben. Sie müßten zur Gesamtzahl hinzugezählt werden.
G. Barger nimmt eine Sterblichkeitsrate von 10-20%, bei Kindern bis 50% an. Geht man davon aus, dass etwa 60 Menschen bis 1736 an der Krummen Krankheit gestorben waren, vielleicht 2/3 davon Kinder, kann man von einer Gesamtzahl an Erkrankten von 100 Erwachsenen und 80 Kindern ausgehen.
Um 1730 hat es in Loosen etwa 30 Haushalte gegeben, mit jeweils etwa 5 bis 8 Personen. Das macht eine Gesamtbevölkerung von etwa 200 bis 250 Menschen aus. Wenn man von den errechneten Zahlen ausgeht, käme man auf etwa 70 bis 90 % Erkrankte.
Da aber auch in den folgenden Jahren noch Menschen an den Spätfolgen dieser Krankheit starben, wird die tatsächliche Anzahl der Erkrankten bei fast 100 % gelegen haben. Möglicherweise waren die Symptome bei einem Teil der Bevölkerung nur schwach ausgeprägt, weil sie wenig vom Mutterkorn eingenommen hatten, und sie wurden deshalb in den Akten nicht erwähnt.

Vergebliche Versuche der Krankheitsbekämpfung

Die Entwicklung im Dorf bereitete der Obrigkeit doch allmählich größere Sorgen. Da so viele Bauern nicht mehr in der Lage waren, ihre Felder zu bestellen, konnten sie auch nicht die entsprechenden hohen Abgaben leisten. Deshalb schickte man von Amts wegen einen Mediziner in das Dorf , da die Bauern sich einen Arzt nicht leisten konnten. Man nahm an, dass die Krankheit ansteckend sei und war deshalb höchst besorgt, dass sie sich noch weiter ausbreiten könnte.
Auch ein Büdner, Friedrich Hagen aus Parchim, und seine Mutter wurden vom Amtmann nach Loosen geschickt, um die Leute zu behandeln. Auch wenn Hagen 30 Jahre später behauptete, er habe „sämtl. curiret und vielen Ruhm da von gehabt“ , konnte er nicht wirklich Heilung erzielt haben. Ein Bauer, dessen Familie auch betroffen war, schimpfte 1743, dass damals „jedem Haußwirth im Dorffe angesaget ward, dem Weibe, die sich damahlen angab, daß sie die krancken leute curiren wollte, 16 ßl zu Medicamenten und Arztlohn zu geben“. Geholfen hätte „dem betrügerischen Weibe ihren Quacksalbereyen nichts“, seine Frau wäre trotzdem gestorben.
Bereits in der Marburger Schrift von 1597 wurden als Heilmittel abführende und schweißtreibende Mittel sowie die Gabe von Butter, Milch und Eiern empfohlen. Auf den Hinweis, das Butter und Eier die Krankheit mildern würden, stoßen wir immer wieder.
Barger vermutet einen Vitamin-A-Mangel als einen den Ausbruch der Kriebelkrankheit begünstigenden Faktor. Man hatte bei Erkrankten immer wieder einen starken Befall mit Spulwürmern (Ascaris) gefunden, die wohl einen Vitamin-A-Mangel hervorrufen können.
Mutterkorn findet sich auch besonders häufig in Moorgebieten, auf sandigen, flachgründigen oder feuchten Böden. Auch eine minimale Bodenbearbeitung (wie möglicherweise mit dem Hakenpflug in Südwestmecklenburg) begünstigt die Mutterkornbildung. Auf Sandböden trat auch die Krankheit vorwiegend auf (Lüneburger Heide, Celle, Brandenburg, Loosen in der Griesen Gegend), wo wenig Milchvieh gehalten wurde. Im Marschland kam es nicht zu Vergiftungen mit Mutterkorn. Barger nimmt aufgrund der schlechten Versorgungslage mit Vitamin-A spendenden Lebensmitteln eine erhöhte Anfälligkeit der Menschen in diesen Gegenden an.
Die Giftigkeit des Mutterkorns nimmt übrigens bei längerer Lagerung ab, weil ein Teil der Alkaloide abgebaut wird (nach einem Jahr etwa 40 %).
Der Loosener Acker wird um 1710 folgendermaßen beschrieben:
„Acker bestehet meistens in schlecht Sandt, so daß Sie nur Rogken, wenig Gärsten, Raugen Habern, undt Buchweitzen säen können; haben etwas Heu-Winnung, aber nur schlechte Weyde“.

Da die Hauptnahrung der Bauern in Loosen aus Roggen bestand und sie wegen ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage darauf angewiesen waren, alles geerntete Korn zu verwerten, war der Mutterkornanteil an der Nahrung vergleichsweise hoch. Weil eben vor allem Bauern und arme Leute erkrankten, bekam die Kriebelkrankheit auch die Bezeichnungen „Bauern- oder Schwere-Not-Krankheit“.

Erneutes Auftreten in Norddeutschland 1770

Im Jahre 1770 kam es zu einer Massenvergiftung im Raum Celle und zu vereinzeltem Auftreten in Hessen. In Celle erzielte man gute Erfolge, indem die Obrigkeit den Roggen der Bauern gegen gereinigtes Getreide austauschte. Manche Bauern jedoch verweigerten einen Austausch und „aßen den Tod mit ihrer eigenen Ernte“. Auch in Hamburg, Holstein, Rostock, Verden, Duisburg, im Harz und in Fulda kam es 1770 zu Mutterkornvergiftungen. Selbst in Mecklenburg, wo ja sonst alles 100 Jahre später passiert, wurden die Behörden aufmerksam.

Vorsichtsmaßnahmen werden ergriffen

Eine Anfrage an den Amthauptman zur Nedden ergab, dass dieser sich nicht nur aus seiner Jugend an das massenhafte Auftreten des Mutterkorns (Brandkorn) und den damit verbundenen Vergiftungen im Amt Grabow, vor allem im Dorf Loosen, erinnerte, sondern dass er vom Auftreten im „Hannöverschen“ gehört und die Untertanen im Amt Dömitz davor gewarnt hätte. Er hätte ihnen bereits befohlen, „das Brandtkorn beym Sichten heraus zu nehmen“,„aber bey wenigen Gehör“ gefunden. Auch aus der Boizenburger Gegend wären Gerüchte über eine erkrankte Dorfschaft gekommen .
Es wurde empfohlen, wenigstens beim herzoglichen Hof dafür zu sorgen, dass der Roggen beim Hofbäcker sorgfältig auf Mutterkorn überprüft und der herzoglichen Familie überhaupt kein Roggenbrot vorgelegt werde. An die Kreisärzte ging eine Anordnung, dass sie dafür sorgen sollten, dass in den Mühlen das Mutterkorn sorgfältigst herausgelesen werde.
Amtmann zur Nedden stellte jedoch fest: „Der Bauer aber lachet großen Theils darüber“. „Die Leute achten nicht darauf [auf das Brandkorn], sondern vermalen es mit zu Brod. Alsdann spüren sie freylich von der Schädlichkeit wenig...es soll daneben das Mehl zwar etwas bläulicht machen, dem Brode aber einen lieblichen Geschmack geben. Ist von anderen es gehöret, ja es schmeckt gut; warum sollte es denn eben izo schaden, und warum solltest Du nicht auch dies Jahr dergleichen Brod essen? Woraus da wegen des fast algemeinen Rocke-Mangels der Rocken so theür ist, und wenn Du noch das viele Brandkorn davon absondern solltest, der Scheffel dir noch theürer würde. Zur Nedden hatte jedoch die Hoffnung, dass trotz der Uneinsichtigkeit der Bauern es nicht zu großen Epidemien kommen würde. Zum Ersten träte das Brandkorn nur in einigen Gegenden auf, zum Zweiten sei es nur schädlich, wenn es in großer Menge mit vermahlen würde, zum Dritten könnte man beim Sichten das Brandkorn leicht entdecken und entfernen und schließlich würden die Bauern „wenn der Rocken theuer ist, viel Cartüffeln, die er vorhin [früher] nicht so heufig hatte noch zu gebrauchen wußte“ verwenden.

Zumindest im Raum Loosen ist es 1770 oder in den folgenden Jahren wohl nicht zu einem vermehrten Auftreten von Mutterkornvergiftungen gekommen.

Die in Loosen betroffenen Familien

Die Akten des LHA Schwerin und das Kirchenbuch Leussow geben uns einen ungefähren Überblick über den Schaden, den die Krumme Krankheit in Loosen anrichtete.
1732 wurde von 7 betroffenen Haushalten, 1736 von 10 Haushalten gesprochen.
Nach Barger trafen Vergiftungen meistens die ärmsten Familien, weil vor allem sie gezwungen waren, aus ihrer wirtschaftlichen Notlage heraus alles Getreide zu verwerten, und weil ihr Ernährungszustand allgemein schlechter war als der der wohlhabenderen Familien.
In Loosen gab es keine Wohlhabenheit in diesem Sinne. Die Lage der Hauswirte war im Großen und Ganzen ähnlich schlecht, auch wenn es immer wieder durch äußere Umstände wie Viehsterben, Brände, Erkrankungen usw. einzelnen Familien zeitweise noch schlechter ging als sonst. Warum waren in Loosen nur etwa 10 Familien so schwer betroffen, während andere gar nicht oder nur leicht erkrankten?
Leider liegen aus dieser Zeit keine genauen Angaben zu der individuellen Wirtschaftslage der Hauswirte vor. Die letzten umfangreichen Listen wurden etwa 20 Jahre zuvor angefertigt. Nach der Feldregulierung hatten die Hauswirte ähnliche Ausgangsbedingungen, es gab nur einen Büdner.

1732 handelte es sich bei den betroffenen Familien um

1) "Jochim Busch, 4 tot, die übrigen miserabel."
Von dieser Familie starben bis 1738 Jochim Busch und seine Frau sowie 7 von 8 teilweise schon erwachsenen Kindern. Bei den 1732 erwähnten Toten handelt es sich vermutlich um die drei jüngsten Kinder zwischen 4 und 13 Jahren und den 22jährigen Hoferben.
Da kein Sohn als Hoferbe überlebte, ging das Gehöft an einen der beiden Schwiegersöhne.
Die einzige Tochter, die nicht erkrankte, hielt sich 1731/32 als Magd auf einem Gehöft im Nachbardorf Leussow auf, das nicht von der Krummen Krankheit betroffen war. Merkwürdigerweise erkrankte die älteste Tochter, die 1731 bereits verheiratet war und nicht mehr auf dem Hof lebte, schwer, während ihr Mann und ihre Kinder nicht betroffen waren.
Der Hof scheint in relativ gutem Stand gewesen zu sein, da nach Ausbruch der Krankheit mehrere Übernahmekandidaten vorstellig wurden .

2) "Hans Losen, 3 tot, die übrigen sehr miserabel."
Bei den Toten handelt es sich vermutlich um die Ehefrau, die zweijährige Tochter sowie die erwachsene Halbschwester von Hans Losen. Dieser starb im März 1732, damit war die Familie erloschen. Sein Halbbruder Hartwig Prueß konnte den Hof nicht übernehmen, da er ebenfalls schwer erkrankt war und zum Hauswirt untüchtig geworden. Prueß starb jedoch erst 1759. Der Hof ging an Hans Dubbe.

3)Clas Hagen, „sind im gantzen Hause alle Miserabl und dabey rasend daß sie müssen angebunden werden“. Clas Hagen starb wenige Tage später, seine älteste Tochter im Mai 1732, drei Jahre alt. Ob die im Juli geborene Tochter ein halbes Jahr später an der Krummen Krankheit starb, ist nicht gewiß. Laut G. Barger überträgt sich die Krankheit während der Schwangerschaft, so dass die Kinder alle bald nach der Geburt sterben. Dagegen soll sie nicht beim Stillen übertragen werden. Die Ehefrau starb 1740 (woran?), nachdem sie Christoph Bartold Penning geheiratet hatte, der der neue Hauswirt auf dem Gehöft wurde.
Wer eventuell noch im Haushalt lebte, ist mir nicht bekannt.

Clas Hagens wirtschaftliche Lage stand im Frühjahr 1731 nicht zum Besten. Er hatte eine Eingabe gemacht, um aufgrund seiner schlechten Lage einen Zuschuß zum Ankauf von Pferden zu erhalten.

4) "Christian Schur, alle im Haus krank."
Seine Frau und er starben 1734, drei der fünf Kinder zwischen 1732 und 1733, 16 bis 27 Jahre alt. Die älteste Tochter war nicht mehr auf dem Hof, der Sohn Hans Jürgen überlebte und heiratete 1733. Er übernahm den Hof, da der eigentliche Gehöftserbe Hartwich Sehland, der Stiefsohn von Christian Schur, aufgrund seiner Erkrankung dazu nicht in der Lage war. Zwar lehnte Sehland 1733 die Übergabe an seinen Halbbruder ab, denn er hoffte auf Genesung , aber 1736 starb auch er. Seine erste Frau war schon 1732 gestorben, das einzige, 1730 geborenen Kind, überlebte jedoch und starb erst 1797. Sehland heiratete noch einmal 1734, nämlich die Witwe des Jürgen Blühdorn.

5) "Peter Schriefer, alle im Haus krank."
Peter Schriefer und sein 15jähriger Sohn starben im Februar 1732. Seine Frau lebte noch bis 1750. Zwei Kinder überlebten und konnten Familien gründen, ein Sohn starb 1738 mit 25 Jahren, eine Tochter blieb unverheiratet und starb 1756 im Alter von 35 Jahren.
Schriefers Stiefkinder aus der ersten Ehe seiner Frau überlebten bis auf den ältesten Sohn. Dieser starb 1732 mit 30 Jahren. Die übrigen drei Stiefkinder heirateten alle zwischen 1732 und 1733 und starben im Alter wohl an anderen Krankheiten.

1727 war Schriefer durch ein Viehsterben und Einquartierungen sehr geschädigt worden, aber er bekam Amtshilfe und Steuererlaß. Seine Lage dürfte sich bis 1731 sicher verbessert haben .

6) "Köhn Strufe, krank."
Köhn Strufe starb erst 1775 als alter Mann. Seine Frau starb schon 1732, während der einzige Sohn 1745 starb. Im Haushalt lebten vermutlich auch Strufes Eltern mit deren unverheirateten Kindern. Die Mutter starb 1741, der Vater hochbetagt 1748. Bis auf die drei jüngsten Kinder befanden sich die anderen vermutlich nicht mehr im Haushalt. Der zweitjüngste Sohn starb 1732 17jährig, die drittjüngste Tochter 1746 mit 33 Jahren. Die jüngste Tochter überlebte jedoch und heiratete.

Strufe hatte 1730 den väterlichen Hof übernommen, der in sehr schlechtem Zustand war. Die versprochene Amtshilfe hatte er bis 1736 noch nicht erhalten, seine Lage war nach wie vor schlecht.

7) "aus den Hirtenkaten sind 3 tot, die übrigen Hirtenleute alle miserabel."
Welche Familien genau in den Hirtenkaten lebten, ist nicht sicher festzustellen.
Vermutlich handelt es sich um

a) Hinrich Prieß, Hirte.
Er selbst starb 1738, seine Frau bereits 1732, fünf der sechs bekannten Kinder zwischen 1731 und 1733 (im Alter von 1 ½ bis über 13 Jahren). Er heiratete die Witwe des Schulmeisters Prehn, der möglicherweise auch in einem der Katen wohnte.

b) vielleicht Hans Hinrich Prehn, Schulmeister.
Er starb 1733, drei seiner vier Kinder zwischen 1732 und 1733 (2-14Jahre). Eine Tochter lebte noch bis 1740 und starb im Alter von 24 Jahren.

c) Johann Lehnhardt, Schäfer, Hirte.
Seine Frau starb 1733, kurz nach der Entbindung von einem totgeborenen Kind. Sein sechsjähriger Sohn starb im Dezember 1731. Ob Lehnhardt weitere Kinder hatte, ist mir nicht bekannt.

d) Johann od. Jochim Pentzjan, Hirte.
Er starb 1736, eine Tochter 1743. Diese war seit 1732 mit Hartwig Prueß verheiratet, s. unter 2. Eine andere Tochter lebte 1733. Ob Pentzjan noch weitere Kinder hatte, ist mir nicht bekannt.

e) Jochim Buß, Schäfer.
Seine Frau starb 1735, seine drei ältesten Kinder im Januar und Februar 1732 (zwischen 2 und 5 Jahre alt). Ein viertes Kind wurde erst 1734 geboren und überlebte wenigstens bis 1736. Danach verliert sich die Spur von Jochim Buß und seinem kleinen Sohn.

Eine weitere betroffene Familie wurde in einem Schreiben vom April 1733 erwähnt :

8) Jacob Däbeler, Hauswirt, bereits gestorben, die Kinder alle krank, die Frau gesund.
Däbeler war im März 1733 gestorben, sein Sohn 1732 im Alter von 16 Jahren. Seine beiden Töchter starben 1734 und 1736, 15 bzw. 25 Jahre alt. Die Frau, die ja nicht von der Krankheit befallen sein sollte, heiratete wieder, starb aber schon 1741. Der Hof ging an ihren Mann Hinrich David Meinke.

Quellen:

1) Akten des Landeshauptarchivs (LHA) Schwerin:


2) Kirchenbuch Leussow ab 1673
3) George Barger, Ergot and Ergotism, London u. Edinburgh 1931
4) F. Ficker, Mutterkorn und Ergotismus im Volksleben und in der Kunst, Deutsche Apotheker-Zeitung, 1971, Nr. 51
5) H. Mielke, Mitteilungen aus der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, Berlin 2000, Heft 375
6) J.E. Wichmann, Beytrag zur Geschichte der Kribelkrankheit im Jahre 1770, Leipzig und Zelle, 1771
7) Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft – Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft: Dr. Wolfgang Richter, Mutterkorn in wirtschaftseigenen Futtermitteln (www.stmlf-design2.bayern.de), 2006

Ich möchte mich bei Herrn Reiner Preis, Boizenburg, für seine Unterstützung bedanken.

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