Dat sünd nich miehr väl Lüe, de noch an de Tied trüchdenken können, as de letzten Kalisser ehr Heimatdörp verlöten un nah Amerika, nah de "niege Welt", treckt sünd. Öwer männigein kriggt hütigendags noch 'n Breif un Pakete ut dit Land. Sei, de ollen Kalisser, hebben ehr Heimat nich vergäten. Kann 'n sin Heimat öwerhaupt vergäten? Ick glöw nich.
Weck von de Amerikafohrers weern den letzten Sommer hier tau Besäuk. Ja, sei kennten noch enzelte Lüe in Kaliss. Öwer ehr Snackeri weer liekers all so'n bäten verdreiht. Man künn hürn, dat sei Amerikaner worden weern. Gewiss, sei harrn sick ehr Plattdütsch bewohrt, sei snackten noch Platt, öwer anhürn deer't sick amerikanisch.
1899 sünd tauletzt weck Lüe nach Amerika utwannert. Un de schreeben nu, wo gaut ehr dat dor güng. Na, in Kaliss würd vertellt, in Amerika is dat all' fijftig Johr wierer as bi uns in Dütschland.
Franz Wilk, einer von de ganz Ollen in Kaliss, hett mi dorvon verteilt:
Dat is in' Februor 1899 wäst. Ick müsst all morgens Klock sös de Peer anspannen. Wi nähmen den' groten Austwagen mit de groden Leddern, säd min Vadder. Middewiel weern ok all de tweiuntwüntig Lüe, Frugens un Kinner, bi uns in den' Kraug tausamenkamen. Herrjeh, weer dat ein Uptog. Öwerall leegen Kuffers, Kastens un Körf un dormang de Lüe. De Klock ward halwig söben, as wi allens sowiet hebben, datt't losgahn kann. De kolle Luft bitt einen in 't Gesicht. Taun Glück is dat klor, de Näwel von gistern slöggt sick nich mehr as Riep an't Gesicht un Tüg dal.
Von jeden Hoff kieken de Lüe raf un smieten einen letzten Blick up dat Fauhrwark, as wullten sei seggen: Nu geiht 't af in de "niege Welt", - wat mag sei för juch prat hebben? Weck mögen ok woll denken: Ji hewt dat nich uthollen künnt, nu seiht man tau, woans ji dörch 't Läben kamt, arbeiten mütt ji in Amerika ok.
Nu liggt Kaliss achter uns. De Lüe smieten noch 'n letzten Blick up de Höf un Koppels.
Achter Verklas kümmt de Sünn höger un malt den' Häben rot. Morgenrot, wat bringst du disse Minschen, de morgen all öwer dat grote Wader nah de "niege Welt" röwerswemmen?
De Wagen klöddert öwer de harte Landstrat dörch Smölen rin nah Dömitz. De Peer dampen. De Lüe up den' Wagen sünd still worden. Jeder is in sine Gedanken. Midden in dat Gezuckel seggt Rudolf Willert, einer von de Utwanderers: "Franz, du führst tauierst nah'n Bahnhoff. Dor laden wi de Frugens un Kinner af. Un wi bringen de Kuffers un Kisten nab'n Zingel, dor wo de Dampers anleggen. De Tog führt ierst halwig teigen. In dei Tied laden wi Aens in un führen wedder trüch nah'n Bahnhoff, nah Frugens un Kinner."
Mit'n Hü zuckert wi wieder. Up'n Bahnhoff warn Frugens un Kinner aflad, dor können sei sick 'n bäten upwarmen. An den' Zingel is all miehr los. Wi sünd nich allein' dor. Tieriger as wi dacht hebben, sünd wi farig. De Ollen sticken sick Piep un Zigarr an, wi gahn trüch nah dat Fauhrwark.
"Minsch, is dat kolt. Kinner, lat' uns in de Stadt rinnergahn, bi Weidemann gifft 'n gauden Grog, de Küll knippt ja grugelig," seggt Wilhelm Lünzmann. Ja, dat fünd'n sei ok alltausamen. Un nu sitten wi all'n ollig Tied bi Weidemann bi Grog ut reiden Arrak, öwer nah Dömitzer Schipperort: Arrak mütt, Zucker kann, Wader brukt nich. Un de Frugens täuben! Nu kieken sei nah de Klock. Ward Tied för uns. Lat' uns gahn. Alle Mann rup up den' Wagen un los geiht dat nah'n Bahnhoff. Un de Küll bitt un snitt in 't Gesicht.
Rudolf Willert is all pickenblag, blots 'n lütten blagen Striepen Rok treckt af un tau von sinen Zigarrnstummel öwer'n Wagen. As wi achter de Schaul sünd, führ ick 'n bäten knascher an un Wilhelm Lünzmann, de Forstarbeiter, hei harr den' Ökelnamen Kefas, verlüst dat Öwergewicht un fällt paldangs den' Wagen raf. De Bein piel in't End. So liggt hei up de Strat. De annern raupen. "Dor liggt Kefas up de Strat, holt an!"
"Ja, ja, de Küll," seggen weck. "Ja, ja, de Arrak," seggen de annern. Sei laden Kefassen wedder up un wieder geiht 't nah'n Bahnhoff. De Tog hölt all up'n Bahnstieg. Ut den' langen Schostein pafft de Rok in de kolle Luft. All' sünd sei instägen un hebben Platz. De letzten Wörd warden wesselt. "Ja, ja, Anna, de Kuffers sünd all' up'n Damper. In Hamborg find'ji allens wedder." Un nu kullern doch de Tranen de Backen dal. Warden wi juch wedderseihn? "Grüß ok de Kalisser noch ens!" "Grüß Schulten Mudder von mi!" "Ja, ja, wi schrieben ok!"
De Tog tut'. De Snuwdäuker winken tau'n letzten mal. Sei winken un winken. De Finger in de Fusthandschen sünd all klamm. Un ümmer noch winken sei, as de Tog all öwer de grote Iserbahnbrügg führt. Hen nah Amerika, in de "niege Welt".
Wat bringt juch de Taukunft?
Er schrieb diese Geschichte nach einem Besuch von amerikanischen Verwandten der in dieser Geschichte erwähnten Auswanderer. Sie waren etwa 1970 in Kaliss zu Besuch gewesen.
Weitere Einzelheiten erfuhr er von Franz Wilk, der in der Geschichte als Erzähler auftritt. Er hatte es so als Junge erlebt und berichtete Herrn Bötefür davon 1954, als er sich zu einem Besuch in Kaliss aufhielt.
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| Rudolf Willert mit Mutter Elise und älterem Bruder Hugo | Rudolf Willert |
Bei den Auswanderern handelte es sich um vier Familien: Lünzmann (Eltern und 6 Kinder),
Schult (Eltern und 4 Kinder), Ahrendt (Eltern und 2 Kinder), Willert (Mutter mit einem Sohn) und die alleinstehende Frieda Schuldt.
Alle gaben als Ziel ihrer Reise die Stadt Luverne in Minnesota an. Dort lebten bereits etliche Auswanderer aus Kaliss. Die Familie von Elise Willert geb. Jauert war schon 1881 bzw. 1884 nach Amerika gezogen. Nach dem Tod ihres Mannes reiste sie nun mit ihrem 16jährigen Sohn Rudolf ebenfalls dorthin. Sie war 1852 in Kaliss geboren und die 2. Frau von Rudolfs Vater Wilhelm Willert. Elise lebte in Amerika vermutlich bei ihren Geschwistern in Rock, wo sie 1914 starb. Ihre Eltern hat sie wahrscheinlich nach deren Auswanderung 1884 nicht mehr wiedergesehen. Sie starben bereits 1891 bzw. 1900.
Die Enkeltochter von Rudolf George Willert, Gay Geiger, lebt heute in Florida und stellte mir freundlicherweise die Fotos und weitere Einzelheiten aus ihrer Familiengeschichte zur Verfügung.
Ihr Großvater heiratete 1918 in Sheboygan Ruth Elisabeth Am End (Amend), die bereits in den USA geboren worden war. Das Paar hatte drei Söhne und eine Tochter. Ruth starb 1950 in Pewaukee, Rudolf 1977, ebenfalls dort.
Ganz herzlichen Dank auch an Rudolf Schmidt in Amerika, der die Spur der Auswanderer verfolgt und viele wichtige Informationen aufgetrieben hat.