Wir schreiben das Jahr 1679. Es ist Sonnabend, der 19. April, ein Tag vor Ostern. Die Bewohner des kleinen Dorfes Loosen, zwischen Ludwigslust und Dömitz in der Griesen Gegend gelegen, bereiten sich auf den Feiertag vor. Die Frauen haben die Häuser geputzt, die Böden gefegt, herumliegendes Stroh fort geräumt und sogar auf der Diele die Spinnweben beseitigt. Am Morgen wurde Brot gebacken, jetzt gehen die Bewohner anderen alltäglichen Arbeiten nach.
So hütet der alte Schulze Thies Blancke draußen auf dem Felde seine Ochsen, seine Frau Anna Lütken arbeitet mit der Magd im Hopfengarten nahe beim Haus. In der Stube sitzt der junge Schulze Jürgen Buseke, auf dem Schoß seinen drei Monate alten Sohn Jürgen Christian. Auch seine Frau, Trin Jalitz, hält sich in der Stube auf und buttert.
Es ist früher Nachmittag, gegen 1 Uhr. Da fällt der Blick der jungen Frau zufällig durch das kleine Fenster in die Diele. Erst wundert sie sich über die ungewöhnliche Helligkeit, aber dann ist es ihr klar: In der Diele brennt es!
Aufgeregt läuft das Ehepaar auf die Diele und sieht, das dass Bett der Magd in Flammen steht. Der junge Schulze rennt daraufhin auf den Hof und ruft der im Hopfengarten arbeitenden alten Schultschen zu, dass das Haus brenne. Dann eilt er zurück, legt seinen kleinen Sohn draußen auf die Erde und beginnt mit seiner Frau soviel wie möglich vor den Flammen zu retten.
Auch Ann Lütken und die Magd laufen eilig ins Haus. Die alte Frau stürzt zu ihrem Bett, das ebenfalls auf der Diele steht, kramt den Schlüssel zu ihrer neben dem Bett stehenden Lade unter dem Pfühl hervor und schließt die Lade auf. Hastig rafft sie an Kleidern und Leinenzeug heraus, soviel sie tragen kann. Als sie das Haus verlassen will, hat sich jedoch der Rauch schon in der ganzen Diele verbreitet. Sie glaubt ersticken zu müssen, lässt sich auf alle Viere nieder und kriecht, trotz ihrer fast 80 Jahre, hinaus. Dabei muss sie den größten Teil der Kleider zurücklassen.
Auch die junge Schulzenfrau hält sich noch im brennenden Haus auf. Wegen der starken Rauchentwicklung verliert sie die Orientierung. Da hört sie die Rufe ihres Schwagers und findet doch noch rechtzeitig die Haustür.
Hilflos müssen die zusammengelaufenen Loosener mit ansehen, wie außer dem Schulzengehöft auch die sieben benachbarten Höfe abbrennen. Das halbe Dorf fällt den Flammen zum Opfer.
Die Bauern sind sich einig, wer der Schuldige ist: der junge Schulze Jürgen Buseke. In ihrer Wut und Verzweiflung stürzen sie sich auf ihn und schlagen ihn zusammen.
Warum aber halten sie ausgerechnet den jungen Buseke für einen Brandstifter? Die mir vorliegenden Verhörprotokolle geben darüber Auskunft:
Jürgen Buseke, dessen Familie früher den Schulzenhof bewirtschaftete, hatte lange Zeit darauf gehofft, nach dem Tod des derzeitigen alten Schulzen Thies Blancke das Gehöft zu übernehmen. Buseke lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern bei Blancke im Haus. Blancke, inzwischen um die 80, hat den Hof etwa 30 Jahre zuvor übernommen. Da seiner Ehe offensichtlich keine überlebenden Kinder entsprungen sind, sagt er Jürgen Buseke zu, ihm eines Tages den Schulzenhof zu übergeben. Doch dann überlegt er es sich anders, macht eine Eingabe an die Herzogliche Cammer, und Buseke wird bedeutet, dass er Amt und Hof nicht übernehmen wird, sondern den Hof sogar verlassen muss. Buseke fühlt sich um sein Erbe betrogen.
Von da an leben die beiden Familien in ständigem Streit. Einer der als Zeugen aussagenden Dorfbewohner meint, es sei eine Schande gewesen, die Streitereien mit anzuhören. Übereinstimmend sagen alle Zeugen aus, Buseke hätte mit sämtlichen Nachbarn ständig im Streit gelegen und sie als “schwarzäugigte Hexen” und “scheve und lahme Schelme” beschimpft.. Niemandem hätte er etwas gegönnt außer sich selber. Auch hätte er wiederholt gedroht, den alten Blancke an den Bettelstab zu bringen und etwas zu machen, von dem noch “Kindes Kinder davon solten zu sagen wißen”.
Auch hätte er vor dem Brand Getreide, Vieh und andere Habseligkeiten nach Picher zu seinem Schwiegervater gebracht.
Buseke bestreitet das nicht, gibt jedoch an, dass es sich dabei um zum Verkauf bestimmtes Getreide gehandelt habe; die Hühner hätte er auf Drängen des alten Schulzen abschaffen müssen. Sein meistes Eigentum wäre aber noch im Hause gewesen und verbrannt. In einer Liste führt er genau auf, was ihm verbrannt ist. So zählt er, außer dem Getreide, die Kleidungsstücke auf:
Hemden seiner Frau, des Knechtes, der Magd und seine eigenen, Kinderhemden und Schürzen, Hemdschürzen der Frau, Bettzeug, Tisch- und Handtücher, Hosen (in deren Tasche sich noch Bargeld befunden habe), der neue Hut und die Handschuhe des Knechtes sowie Brustleiber der Frau.
An Hausgerät nennt er nur die wertvolleren Gegenstände: Kessel, Spinnrad, Butterfass, Zinnkanne, Butterdose, Biertonne, Sensen und Plaggeisen. Die hölzernen Geräte könnte er nicht alle aufführen.
Er weist alle Schuld an dem Feuer von sich. Immer wieder beteuern seine Frau und er, die Betten hätten bereits gebrannt, als sie das Feuer entdeckt hätten. Dabei verwickeln sie sich in Widersprüche, denn die alte Schultsche hatte ja noch aus ihrem – zu dem Zeitpunkt nicht brennenden – Bett den Ladenschlüssel hervorholen können. Wieso könne Buseke dann behaupten, auch das Bett hätte bereits gebrannt?
Buseke macht mehrere Vorschläge, wie es zu dem Feuer gekommen sein könnte:
Die Magd hätte kurz vorher Kohlen aus dem Backofen ins Haus getragen und auf den Herd geschüttet. Dabei könnte entweder Glut herausgefallen sein oder Funken wären vom Herd auf die Betten übergesprungen. Die Zeugen jedoch erklären, die Kohlen wären schon am Morgen, also lange vor dem Brand, ins Haus gebracht worden und um die Mittagszeit bereits fast völlig erloschen gewesen. Die Magd beschreibt ihren Weg durch das Haus; dabei ist sie nicht mal in die Nähe der Betten gekommen. Funkenflug scheidet ebenfalls aus, da kein Holz auf dem Feuer gewesen sei, das hätte spritzen können; die Betten hätten auch viel zu weit vom Herd entfernt gestanden; und aller “Rott” wäre beim Putzen gründlich entfernt worden, so dass auch keine Funken es hätten in Brand stecken können.
Also schlägt Buseke vor, die Katzen könnten die Kohlen vom Herd gefegt haben. Die beiden Hauskatzen jedoch zeigen bei der Untersuchung keinerlei Brandspuren, werden also als “Brandstifter” ausgeschlossen. Dann, so Buseke, käme der Brand daher, dass der alte Schulze immer so viel geflucht habe. Aber alle Zeugen bestreiten diese Behauptung. Blancke hätte kaum geflucht, sondern im Gegenteil sehr viel gebetet. Auch glaubt keiner der Bauern, dass der Teufel die Macht hätte, Häuser anzuzünden, denn dann “bliebe kein eintzig Hauß in der weltt bestehen”. Schließlich würde “oft mehr gefluchet alß gebehtet”.
Wieder und wieder werden die Aussagen der Angeklagten und der Zeugen aufgenommen; Buseke begibt sich zwischendurch nach Hamburg. Am 12. Juli endlich – Buseke ist inzwischen aus Hamburg zurückgekehrt und in Haft genommen worden – soll die Wahrheit mit Hilfe der Folter aus Buseke und seiner Frau herausgeholt werden.
Zuerst fordert man ihn auf, seine Schuld in Güte zu bekennen. Buseke jedoch beharrt auf seiner Unschuld – wäre er sonst freiwillig aus Hamburg zurückgekommen? Der Frohn zeigt ihm die Foltergeräte, aber Buseke bleibt standhaft. Dann wird mit der Folter begonnen. Aber wie sehr man ihm auch zusetzt, Buseke beteuert seine Unschuld. Er ruft Gott zum Zeugen dafür an. Unter Schmerzen weint und schreit er, bittet Gott, er “möchte ein zeichen seiner Unschuldt an den Tagk geben”, und “er wolte über Losen schreyen, daß Sie seyn Bluht undt Unschuldt vor Gott verantworten solten”. Selbst die Behauptung, seine Frau habe inzwischen gestanden, bringt ihn nicht von seinen Unschulds-beteuerungen ab. Er wolle ja gern alles gestehen; selbst “weres sein Vater undt Mutter”, die den Brand gelegt hätten, würde er es gestehen, nur um der Marter zu entkommen. Aber wie solle er etwas gestehen, was er nicht getan habe? Das “Unrecht, das er leyden müste, solte über die Loser undt ihre Kinder kommen”; lieber wolle er sterben, als noch weiter diese Schmerzen zu erdulden.
Endlich wird die Folter beendet, da sich die Amtsleute darüber klar sind, dass von Buseke kein Geständnis zu erwarten ist.
Auch seine Frau bedrohen sie mit der Folterung. Sie weiß jedoch nicht, dass es aus Rücksicht auf ihren Säugling bei den Drohungen bleiben wird. Auch sie ruft Gott als Zeugen für ihre Unschuld an. Unbekleidet wird sie zur Folterbank geführt. In ihrer Angst fleht sie zu Gott, er solle sich ihrer erbarmen. Sie hätte sich schon umgebracht, um dem “Schimpff” zu entgehen, aber ihrer Kinder zuliebe hätte sie es nicht getan. Auch ihr sagt man, ihr Mann hätte alles gestanden, doch sie bleibt dabei, dass sie unschuldig wären.
Schließlich beendet man das Vehör, da auch sie nicht zu einem Geständnis zu bringen ist.
Die Standhaftigkeit der Eheleute wird als Zeichen ihrer Schuldlosigkeit gewertet. Man lässt sie frei, unter der Bedingung, dass sie sich von Loosen fernhalten – zu ihrer eigenen Sicherheit. Auch müssen sie schwören, dass sie sich für die ihnen angetane “Schmah und Pein” nicht rächen werden.
Ende Juli meldet sich Buseke noch einmal aus Hamburg und bittet um Erlaubnis, sein “herümblauffendes Vieh wieder zusammen suchen” und die Ernte einbringen zu dürfen. Dies wird ihm gestattet, den Beamten jedoch befohlen, für seine Sicherheit zu sorgen.
Nachfolger des Thies Blancke, der 1683 stirbt, wird Hartig Tiede. Er heiratet im November des Brandjahres Christin Laudan. Sie ist möglicherweise eine Nichte des Thies Blancke. Der Hof bleibt bis heute in der Familie Tiede. Von Jürgen Buseke und seine Familie gibt es nach 1679 keine Spur mehr im Kirchspiel Leussow. Vermutlich ist er in Hamburg geblieben, denn auch bei seiner Schwiegerfamilie in Picher wäre er vor den aufgebrachten Bauern nicht sicher gewesen, ganz abgesehen von dem Ruf des Brandstifters, der ihm sicher trotz des Freispruchs für sein restliches Leben angehangen hätte.
Die abgebrannten Höfe werden wieder aufgebaut, auch die 1679 noch wüsten Höfe werden im Laufe der nächsten Jahre wieder besetzt. Die Bauern jedoch haben sicher noch lange unter dem Schaden zu leiden gehabt.
Wie es nun aber wirklich zum Ausbruch des Feuers gekommen ist, werden wir nie erfahren.